meine.deine.unsere.WELT

Die große Welt im kleinen Theater

Mit großem Erfolg ist Anfang September die Theaterperformance „meine.deine.unsere.WELT“ in der Kulturbackstube „Bäckerei“ angelaufen. Es ist das zweite Projekt des Künstlerkollektivs .S:I:D:U:N:O., ein integratives Theaterprojekt, das neun Jugendliche aus vier Ländern und mit vier Muttersprachen jetzt, nach einer neunmonatigen Probenzeit, auf die Bühne gebracht haben. Drei der jungen Teilnehmer*innen haben Fluchthintergrund – da ist es naheliegend, dass man sich mit den Themen Heimat, Krieg, Gemeinschaft und Religion auseinandersetzt. Das geschieht in meine.deine.unsere.WELT aber auf völlig neuartige Weise. Dahinter steht ein radikaler theaterpädagogischer Ansatz, der die Kunst ins Zentrum stellt. Dadurch passiert automatisch etwas in den Spieler*innen – und auch in den Zuseher*innen, von denen die meisten gleichermaßen begeistert und betroffen sind.

Die Welt von meine.deine.unsere.WELT ist schmerzlich vertraut und beunruhigend fremd. Zwischen den giftgasgetränkten Schlachtfeldern Syriens und der vermeintlichen Idylle eines Tiroler Bergdorfes fragen sich die neun Jugendlichen, wo sie zu Hause sind – und wie sie in einer Welt zu Hause sein können, in der Grenzen geschlossen und die einen von den anderen getrennt werden. Wo das System darüber bestimmt, was wir tun und mit wem wir uns abgeben dürfen, herrscht zunehmende Hoffnungslosigkeit. Dafür steht auch der regelmäßige Gang zum Briefkasten, der wieder und wieder leer ist. Der positive Asylbescheid lässt auf sich warten. Wilde Partys mögen vielleicht kurze Abhilfe schaffen, oder das kopflose Träumespinnen, die Sehnsucht nach Erfolg, oder einfach nach der Pension. Aber Hoffnung macht am Ende eigentlich nur eines, da ist eine Performance voller Ambivalenzen am Ende ganz klar: El-hob, die Liebe. Diesseits und jenseits der Grenze.

Der Tenor der Reaktionen ist unterschiedlich und gleichförmig zugleich: Das hätten wir nicht erwartet! Was nicht? Die Intensität, mit der die neun Jugendlichen nach Monaten des Trainings auf der Bühne stehen und aus ihren selbstverfassten Texten berührende Bilder und Szene bauen? Die Heftigkeit, mit der sie ihre Anliegen und Hoffnungen vorbringen? Das Selbstbewusstsein mit dem sie die schwierigsten Themen geradeheraus ansprechen? Die spürbare Solidarität zwischen den Jugendlichen?

„Wer die Gruppe jetzt in Aktion sieht, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Die Mädchen und Burschen wirken, als ob sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht hätten als zeitgenössische Theaterperformance“, meint auch Journalistin Christine Frei.

Kulturlandesrätin Beate Palfrader fand die Performance „toll und berührend“ und ließ sich gleich mit dem jungen Ensemble ablichten.

Und wie geht es jetzt weiter? Die Jugendlichen haben erfahren, wie viel Theater für sie selbst und die Gesellschaft, in der sie leben, verändern kann. Sie möchten sich an der Entwicklung weiterer Projekte beteiligen. Das nächste wird die Veröffentlichung eines Kinderromans, der während des Probenprozesses aus den Texten der Teilnehmer*innen enstanden ist.

2018 wird es eine Reihe von szenischen Lesungen in ganz Tirol geben, in der das Talent der Jugendlichen wieder gefragt sein wird. Dieser Roman wird 2019 wiederum von jungen professionellen Künstler*innen dramatisiert werden. Was .S:I:D:U:N:O. danach macht? Niemand weiß es genau. Aber das war erst der Anfang.



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